Ahrtaler Eisenbahnfreunde

Dringend notwendig: Neue Bahnsteige

Veranstaltung zu Qualitätsverbesserungen auf der Ahrtalbahn:

Scheitert „Barrierefreie Modellregion“ an Zuständen an der Ahrtalbahn?

Klare Aussagen von Tourismus-Chef und Podiumsteilnehmern

von Willi Tempel - 23.02.2015



Bad Neuenahr-Ahrweiler. Auf eine gute Resonanz stieß eine Informationsveranstaltung zum Thema „Qualitätsverbesserung an der Ahrtalbahn“ am 23. Februar 2015 im Rathaus der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dazu hatten die „Freunde der Ahrtalbahn“ gemeinsam mit der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler eingeladen. Im Mittelpunkt standen dabei die schlechten baulichen Zustände vieler Bahnsteige und Fragen zu einem von der Bahn geplanten veränderten Leit- und Sicherungssystem an der Oberahrtalbahn. Wolfgang Groß, Sprecher der Freunde der Ahrtalbahn und Eisenbahnexperte, erläuterte die Problematik der alten Bahnsteiganlagen an der Ahrtalbahn anhand einer Bilder- und Text-Präsentation fundiert und anschaulich.
Viele Besucher folgten der Einladung-Zoom in
Viele Besucher folgten der Einladung
Hierbei wurden auch die Positiv-Beispiele Ahrbrück, Mayschoß und Bad Neuenahr sowie Bahnhof Ahrweiler dargestellt. Ziel sei es, so Groß, eine Änderung der Prioritätenliste des Landes zu erreichen, nach der bis 2019 kein Bahnsteig der Ahrtalbahn modernisiert werden soll. Ziel der Veranstaltung sei es, den dringend notwendigen Modernisierungsbedarf anschaulich darzustellen und Möglichkeiten zum raschen Ausbau mit Landes- und Regionalpolitikern zu erörtern.
Die Diskussionrunde mit MdL, Vetreter SPNV Nord und Landrat-Zoom in
Die Diskussionrunde mit MdL, Vetreter SPNV Nord und Landrat
Bei der anschließenden Diskussion kristallisierte es sich schnell heraus, dass für interessierte Bürger, Bürgermeister, Landrat und Touristik-Organisationen die bauliche Situation an vielen Bahnhöfen dringend verbessert werden muss. Besonders mobilitätseingeschränkte Personen, ältere und behinderte Menschen, aber auch Reisende mit Kinderwagen, Fahrrädern oder schwerem Gepäck, haben an vielen Bahnhöfen Schwierigkeiten, überhaupt die zum Teil hohen Trittstufen zu überwinden. Auch seien viele Zugänge zu Bahnsteigen nur über Treppen zu erreichen.
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Zur Veranstaltung im Bad Neuenahrer Ratssaal konnte Wolfgang Groß, neben rund 60 interessierten Zuhörern, zahlreiche weitere Gäste begrüßen: Die Landtagsabgeordneten Petra Elsner (SPD), Wolfgang Schlagwein (Bündnis 90/Die Grünen), Jutta Blatzheim-Roegler (Bündnis 90/Die Grünen; gleichzeitig stellvertretende Vorsitzende der Landtagsfraktion und Sprecherin für Mobilität, Verkehr und Tourismus), Landrat Dr. Jürgen Pföhler, Jan-Olaf Heiland vom Zweckverband SchienenPersonenNahverkehr (SPNV) Nord) sowie als Hausherrn den ersten Stadtbeigeordneten, Detlev Koch. Koch war kurzfristig für den erkrankten Stadtbürgermeister Guido Orthen gekommen. Wegen anderer Termine mussten Guido Ernst und Horst Gies (Beide CDU-MdL) sowie Marcel Hürter (MdL SPD) ihre Teilnahme bereits vorher absagen. Im Publikum befanden sich neben zahlreichen aktiven Eisenbahnern auch Andreas Wittpohl von Ahrtal-Tourismus, die Kreistagsmitglieder Hans Boes (FWG) und Matthias Heeb (Bündnis 90/Die Grünen), der frühere Stadtbürgermeister Edmund Flohe, der Altenahrer Verbandsbürgermeister Achim Haag, die Ortsbürgermeister- bzw. Vorsteher Alfred Sebastian (Dernau), Dieter Kutscher (Rech), Gregor Sebastian (Walporzheim) sowie Angelika Lüdenbach (Heimersheim). Der städtische Beigeordnete, Detlev Koch, betonte bei seinen Ausführungen die große Bedeutung einer barrierefreien Ahrtalbahn für alle Nutzergruppen.

Ahrweiler-Markt: 47 cm sind beim Einstieg zu überwinden, die MdL  wurden damit konfrontiert-Zoom in
Ahrweiler-Markt: 47 cm sind beim Einstieg zu überwinden, die MdL wurden damit konfrontiert
Bürde statt Hürde

47 Zentimeter Tritthöhe - wie die Bahn-Trittstufen an der Station Ahrweiler Markt - seien zwar für Läufer nur eine Hürde, „an der Bahn aber für viele eine Bürde.“ Und Wolfgang Groß hatte dafür noch Anschauungsmaterial mitgebracht, indem er eine -47 Zentimeter hohe Holzbank - präsentierte. Die anwesenden MdL konnten sich praxisnah
Ahrweiler - Markt -Zoom in
Ahrweiler - Markt
überzeugen, wie schwierig selbst für einen körperlich gesunden Menschen eine solche Tritthöhe ist. Aber selbst eine Tritthöhe von rund 37 Zentimetern, zum Beispiel in Bad Bodendorf, stellt für viele Menschen ein großes Hindernis dar. Detlev Koch verwies zudem auf die Vorarbeit der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler für den Umbau dieses Haltepunktes Ahrweiler-Markt.
Ahrweiler - Markt, Gleis nach Remagen, 47 cm Höhenunterschied beim Einstieg-Zoom in
Ahrweiler - Markt, Gleis nach Remagen, 47 cm Höhenunterschied beim Einstieg
Die Stadt habe bereits umsetzungsfähige Planungen für dieses Projekt erarbeitet. In dem dann folgenden Vortrag zeigte Wolfgang Groß dann detailliert mit viel Bildmaterial, welche Bahnsteige dringend modernisiert und barrierefrei ausgebaut werden müssen. Und die interessierten Bürgerinnen und Bürger erlebten eine sachlich-kritische Diskussion, sowohl von Seiten der eingeladenen Personen, als auch aus dem Saalpublikum.
Ahrweiler-Markt - die Treppe zur Brücke-Zoom in
Ahrweiler-Markt - die Treppe zur Brücke
Landrat Dr. Jürgen Pföhler verdeutlichte unmissverständlich die nicht weiter hinnehmbaren Zugverspätungen- und Totalausfälle. Er will sich zwar weiter für bauliche Übergangslösungen an den Bahnsteigen in Rech und Ahrweiler-Markt einsetzen. Die Gespräche für ein Provisorium am Bahnhof Rech laufen derzeit. Die Gesamtkosten hierfür werden auf 80.000 Euro geschätzt. Und die Einrichtung im Bahnhof Kreuzberg wurde vor rund 15 Jahren ebenfalls erneuert.

Haltepunkt Heimersheim - nur mit Treppen zu erreichen-Zoom in
Haltepunkt Heimersheim - nur mit Treppen zu erreichen
Barrierefreie Dauerlösungen

Jedoch sind für Dr. Pföhler sind barrierefreie Dauerlösungen unabdingbar - nicht nur in Rech. Daher plädierte der Landrat dafür, dass sich alle politischen Kräfte weiter für die Modernisierung der Bahnsteige einsetzen sollten, und auch möglichst schon Planungen der Kommunen vorbereitet werden sollten. Jutta Blatzheim-Roegler unterstützt die Bemühungen der lokalen Akteure vor Ort. Sie erhofft sich, dass die SPD im Land der Grünen-Initiative folgt und eine Erhöhung der Anteile der ÖPNV-Mittel von derzeit 60 auf dann 70 Prozent beschließt.
Haltepunkt Rech-Zoom in
Haltepunkt Rech
Derzeit bereite aber die „Schwarze Null“ in Berlin Sorge. Heißt: Der Bund plant die Regionalisierungsmittel, aus denen die Bundesländer den SPNV (Nahverkehrszüge und Busse) finanzieren, deutlich zu reduzieren. Dabei müsse, so Blatzheim-Roegler weiter, die Barrierefreiheit für mobilitäts-eingeschränkte Menschen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
Rech: Gleis im Bogen: Großer Spalt und Höhenunterschied beim Einstieg-Zoom in
Rech: Gleis im Bogen: Großer Spalt und Höhenunterschied beim Einstieg
Bis spätestens 2022 müsse eine entsprechende EU-Vorgabe ohnehin gesetzlich umgesetzt werden. MdL Petra Elsner will die Vorgänge in Mainz ebenfalls unterstützen. Sie dankte zudem den Ahrtalbahnfreunden für ihr reges, ehrenamtliches Engagement. Der marode Haltepunkt Ahrweiler Markt steht Wolfgang Schlagwein im Widerspruch „zum Städtebauförderprojekt historische Ahrweiler Altstadt.“

Auch in Bad Bodendorf: 37 cm Höhenunterschied beim Einstieg-Zoom in
Auch in Bad Bodendorf: 37 cm Höhenunterschied beim Einstieg
Verkehrswende

In Fachkreisen sei weiterhin klar, dass eine Energiewende nur in Verbindung mit einer Verkehrswende funktionieren könne. Schlagwein hat sein Auto bereits vor einiger Zeit abgeschafft. „Was aber bei der Bahn an Unregelmäßigkeiten und Verspätungen abläuft, zwingt einen aber, über diese hehre Ziel nachzudenken, “ so Schlagwein. Wenn es zur Kürzung der angesprochenen Regionalisierungsmittel des Bundes komme, seien die diskutierten herbstlichen Zusatzzüge ohnehin kein Thema mehr. Auch müsse es zu einer Verschiebung der Prioritäten kommen.
Der Bahnsteig in Walporzheim ist auch nur über eine Treppe zu erreichen-Zoom in
Der Bahnsteig in Walporzheim ist auch nur über eine Treppe zu erreichen
Schlagwein nannte in diesem Zusammenhang Projekte wie den geplante Bau der K 35 sowie den vierspurige Ausbau der Autobahn durch das Ahrtal - mit Rhein-Brückenquerung zur A 3. Andreas Wittpohl, Geschäftsführer von Ahrtal-Tourismus, wurde in seinen Ausführungen ebenfalls sehr deutlich „Zu uns kommen pro Jahr rund eine Million Tagesgäste. Und wir werben überall damit: Kommt mit der Bahn.“ Im Gegensatz dazu fänden die Besucher an der Ahrtalbahn noch an vielen Stellen eine veraltete und problembehaftete Infrastruktur an vielen Bahnhöfen vor. Und Wittpohl weiter: „Unsere geplante Bewerbung als „barrierefreie Modellregion“ droht, an den Zuständen an der Ahrtalbahn scheitern.“ Dieses Vorhaben stellte Andreas Wittpohl daher öffentlich in Frage. Aus dem Publikum kamen bei der angeregten Diskussion ebenfalls verschiedene konstruktive Hinweise. So schlug der frühere Stadtbürgermeister Edmund Flohe zur besseren Erreichbarkeit der Gleise am Bahnhof Walporzheim, als einfache Lösung, einen Zugang ohne Treppen über eine Rampe vor, von der Plänzertstraße ausgehend. Die Bahnfahrer in Walporzheim haben es in der Tat schwer: Nach 14 Treppenstufen kommen diese auf eine Zwischenebene, von wo es weitere 16 Stufen aufwärts geht.

Treppen in Heimersheim

In Heimersheim erreichen die Kunden der Bahn den Bahnsteig ebenfalls nur über zwei Treppen. Ortsvorsteherin Angelika Lüdenbach könnte sich vorstellen, dass hier wieder, wie früher, ein ebener Übergang zu den Gleisen führen solle, und in der bestehenden Unterführung Leitschienen installiert werden. Dies fand Unterstützung bei Hans Boes. Der Dernauer Ortsbürgermeister Alfred Sebastian möchte geklärt wissen, welche Möglichkeiten es gibt, den Gemeindeanteil - in Anbetracht des derzeit günstigen Zinsniveaus - für einen barrierefreien Umbau vorzufinanzieren. Ein weiteres Thema des Vortrages war eine geplante geänderte Leittechnik für Züge an der Oberahrstrecke. Die Deutschen Bahn hat zum 15. Dezember 2016 zwischen Walporzheim und Ahrbrück die Einführung eines neuen Zugleitsystems bekanntgegeben, genannt „RiL 438 FV-NE (TUZ)“. In der Diskussion kritisierten fachkundige Bürger, dass dies ein technischer Rückschritt sei; und insbesondere in den Zeiten mit hohem Reisendenaufkommen - etwa im Herbst und beim Luziamarkt - zu Problemen führen könne. Für Zusatz- oder Sonderzüge lasse das neue System dann keinen Raum mehr. Auch seien dann Zugkreuzungen in Dernau kaum noch möglich. Zudem habe der Triebwagenführer dann die alleinige Verantwortung für die Sicherheit der Fahrgäste an den Bahnsteigen. Dies Planungen verwundern umso mehr, als am Bahnhof Dernau erst kürzlich die Stellwerkstechnik, etwa die Seilzüge zu den Signalen, vollständig erneuert hat. Diese Maßnahmen kosteten rund 100.000 Euro. Diese Maßnahmen wurden im Bahnhof Kreuzberg vor gut zehn Jahren ebenfalls durchgeführt.

SPNV: Keine Zustimmung

Der Vertreter des SPNV Nord Jan Olaf Heiland betonte hierzu, dass für Maßnahmen, welche die Leistungsfähigkeit der Strecke einschränken, keine Zustimmung erteilt würde. Der SPNV Nord wurde von dem Vorhaben relativ kurzfristig informiert, ebenso sei es dem Betreiber der Strecke, DB Regio ergangen. „Belastbare Informationen über die betrieblichen Auswirkungen der Einführung von TUZ liegen leider noch nicht vor. DB Netz will diese jedoch bei Gesprächen im März nachreichen. Bei der Priorisierung der Bahnhofsprojekte spielen neben technischen Erwägungen die Nutzerzahlen eine entscheidende Rolle. Für Maßnahmen zur barrierefreien Erschließung der Bahnsteiganlagen wird in der Regel die Schwelle von 1.000 Nutzern täglich zu Grunde gelegt, so Heiland abschließend. Dieses Vorhaben der Deutschen Bahn wurde von vielen Anwesenden heftig kritisiert, da die besonderen Belange, zum Beispiel einer Fremdenverkehrsregion mit hohen Anteilen an Wochenendverkehren, nicht berücksichtigt würden. Wolfgang Groß bat auch die anwesenden MdL und den Landrat, bei diesem wichtigen Thema am Ball zu bleiben und technischen Rückschritten auf der Ahrtalbahn einen Riegel vorzuschieben.